Wächst der Veganismus, oder schrumpft er? Die ehrliche Antwort
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Wenn du in letzter Zeit Schlagzeilen gesehen hast, die das Ende des Veganismus verkünden, hast du wahrscheinlich auch Schlagzeilen gesehen, die einen Boom feiern. Beide Seiten werfen mit Statistiken um sich, und beide klingen überzeugend. Was stimmt also?
Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, was man misst. Und sobald man die Dinge auseinandernimmt, die gerne in einen Topf geworfen werden, wird das Bild deutlich klarer — und deutlich interessanter, als beide Schlagzeilen-Lager vermuten lassen.
Schauen wir uns das im Detail an.
Die Verwirrung: Veganismus ist keine Produktkategorie
Die meisten „Veganismus ist auf dem Rückzug"-Geschichten stützen sich auf einen ganz bestimmten Datensatz: die Produktionszahlen für Fleischersatzprodukte. Und ja, dieser Bereich hatte ein hartes Jahr. Laut Statistischem Bundesamt produzierten deutsche Hersteller 2025 rund 125.000 Tonnen Fleischersatzprodukte — 1,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Daraufhin fragten SWR und BR in ihren Wirtschaftsformaten unabhängig voneinander, ob der Veggie-Trend vorbei sei und Fleisch auf dem Speiseplan zurückkehre.
Auf europäischer Ebene zeichnet das Good Food Institute ein ähnliches Bild: Die Verkäufe pflanzlicher Lebensmittel gingen 2024 um rund 4 Prozent zurück, mit hohen Preisen und starker Verarbeitung als Hauptgründen. Fleisch- und Fischimitate traf es am härtesten — die GFI-Daten zeigen einen Rückgang von etwa 12 bis 13 Prozent gegenüber dem Höchststand 2021/22, und einige bekannte Marken verschwanden komplett vom Markt.
Wenn die eigene Definition von Veganismus also „Menschen, die vegane Schnitzel kaufen" lautet, dann stimmt es: Dieser Markt hatte seinen Höhepunkt und korrigiert sich gerade.
Aber das war nie das, was Veganismus ausmacht. Veganismus ist eine Reihe von Werten in Bezug auf Tiere, angewendet auf die Art, wie man lebt — was man isst, was man trägt, was man kauft. Und nach diesem Maßstab erzählen die Daten eine ganz andere Geschichte.
Die Menschen: mehr Veganer, nicht weniger
Die Zahl der Menschen, die sich als vegan bezeichnen, wächst weiterhin. Schätzungen gehen von einem globalen Anteil von etwa 1 Prozent aus — zig Millionen Menschen — mit stetigem jährlichem Zuwachs.
Und das Engagement bleibt bestehen, statt zu verfliegen. Veganuarys eigene Teilnehmerumfrage von 2024 ergab, dass 82 Prozent der Befragten planten, ihre Ernährung dauerhaft und grundlegend zu verändern. Das sind keine Menschen, die einen Monat lang einen Trend ausprobieren und ihn dann fallen lassen — die Mehrheit bleibt bei der Umstellung.
Auch das regionale Bild zählt. In Deutschland bezeichnen sich 10,4 Prozent der Bevölkerung als vegetarisch oder vegan lebend — eine signifikante, aber langsam wachsende Gruppe. Die eigentliche Verschiebung findet jedoch in der Mitte der Gesellschaft statt: Fast 48 Prozent der Deutschen bezeichnen sich inzwischen als Flexitarier, die ihren Fleischkonsum bewusst reduzieren, ohne ganz zu verzichten. Der Pro-Kopf-Fleischverzehr lag 2018 noch bei über 60 Kilogramm und unterschritt 2024 erstmals deutlich die 51-Kilogramm-Marke — ein Rückgang von rund 16 Prozent innerhalb eines halben Jahrzehnts.
Auch im übrigen Europa ist die Richtung dieselbe: Laut ProVeg International erreichte der Einzelhandelsumsatz mit pflanzlichen Lebensmitteln in Frankreich 537 Millionen Euro und in Italien 639 Millionen Euro im Jahr 2024 — beide mit Zuwachs gegenüber dem Vorjahr. Selbst in Märkten, in denen die Supermarktverkäufe nachgaben, erzählt das Verhalten eine andere Geschichte: In Großbritannien stiegen die Bestellungen pflanzlicher Gerichte in Schnellrestaurants 2024 um 56 Prozent.
Was ist also tatsächlich zurückgegangen? Die erste Welle, nicht die Werte
Was wir gerade beobachten, ist nicht der Rückgang des Veganismus — es ist das Ende der ersten Welle pflanzlicher Produkte. Der Markt wurde mit Fleischimitaten überflutet, die teuer, stark verarbeitet und oft nicht besonders gut waren. Das ist den Verbraucher:innen aufgefallen. Branchenanalysten beschreiben die Entwicklung als eine Rückbesinnung auf das, was „pflanzlich" im eigentlichen Sinne bedeutet — wer aus Gesundheitsgründen zu pflanzlicher Ernährung wechselt und dann feststellt, dass die Produkte stark verarbeitet sind, empfindet das als Widerspruch.
So sieht Reifung aus. Dasselbe ist vor zwanzig Jahren mit Bio-Lebensmitteln passiert: explosiver Hype, Korrektur, dann stetige Normalisierung. Tofu, Hülsenfrüchte, Pflanzendrinks — die Lebensmittel, die Menschen tatsächlich weiterhin kaufen — laufen gut. Was schwächelt, ist die ultra-verarbeitete Schicht obendrauf.
Und genau hier zeigt sich ein Signal, das in der Rückgangs-Debatte meist übersehen wird: Im August 2025 sanken die Preise für pflanzliche Erzeugnisse um 12,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat — während die Preise für Tiere und tierische Erzeugnisse im selben Zeitraum um 11,8 Prozent stiegen. Während die Schlagzeilen vom Ende des Veggie-Trends sprachen, wurden die Grundnahrungsmittel der pflanzlichen Ernährung real günstiger, gerade als Fleisch teurer wurde.
Es lohnt sich, hier genau zu sein, worin das eigentliche Problem besteht — denn es ist nicht die Existenz von Fleischalternativen an sich. Die meisten Veganer:innen meiden Fleisch nicht, weil ihnen der Geschmack nicht gefällt. Sie meiden es, weil sie sich weigern, dafür ein Tier zu töten. Die Erinnerung an Geschmäcker und Texturen, mit denen man aufgewachsen ist, ist real, und daran ist nichts falsch. Ein Produkt, das dieses Erlebnis ohne das Tier liefert, ist eine grundsätzlich gute Idee.
Das Problem ist, wie die meisten dieser Produkte derzeit hergestellt werden: lange Zutatenlisten, starke Verarbeitung, hoher Natriumgehalt — genau die Dinge, von denen sich Menschen entfernen wollen, wenn sie ihre Ernährung umstellen. Die Verbraucher:innen haben nicht das Konzept abgelehnt. Sie haben die Umsetzung abgelehnt. Wenn du unseren Leitfaden zum Veganwerden gelesen hast, erinnerst du dich vielleicht: Nutze die Ersatzprodukte als Brücke, lass echtes Essen das Ziel sein. Diese Brücke bleibt wichtig — sie muss nur besser gebaut werden.
Und was ist mit Mode und Schuhen? Leise, aber stetig im Aufwind
Hier kommt der Teil, den die ernährungsfokussierten Schlagzeilen nie erwähnen: Bei veganer Mode gibt es überhaupt keine Rückgangsgeschichte.
Der globale Markt für vegane Schuhe wuchs laut Future Market Insights 2025 auf 34,45 Milliarden US-Dollar — mit einer jährlichen Wachstumsrate von 7,8 Prozent bis 2032. Der gesamte vegane Modemarkt — Kleidung, Schuhe und Accessoires ohne tierische Materialien — erreichte 2025 laut Coherent Market Insights rund 519 Milliarden US-Dollar, mit einem jährlichen Wachstum von 7,3 Prozent. Besonders das Segment vegane Lederaccessoires wächst rasant: von 1,1 Milliarden US-Dollar (2023) auf voraussichtlich 2,7 Milliarden US-Dollar (2030) — ein jährliches Wachstum von 11,5 Prozent.
Auch auf Innovationsseite tut sich in Deutschland einiges. PETA Deutschland verlieh 2026 zum 13. Mal den VEGAN AWARD im Bereich Fashion — unter den 15 ausgezeichneten Unternehmen und Designerinnen finden sich Marken aus Deutschland, der Schweiz und weiteren europäischen Ländern, die auf tierfreie Materialien wie Ananasblattfasern, kakaobasiertes Kunstleder und holzbasierte Sportfasern setzen. Das Darmstädter Unternehmen revoltech wurde für sein kreislauffähiges Hanfmaterial LOVR gleich doppelt geehrt: mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2025 und dem German Ecodesign Award.
Warum unterscheidet sich Mode von Lebensmitteln? Wir glauben, aus zwei Gründen. Erstens gab es nie ein „Hype-Produkt"-Äquivalent — niemand hat vegane Schuhe wegen einer viralen Marketingwelle gekauft, also gibt es keine Blase, die platzen könnte. Zweitens haben sich die Materialien tatsächlich verbessert. Ein veganer Schuh im Jahr 2026 — aus Piñatex, Apfelleder, Kork oder hochwertiger Mikrofaser — ist schlicht ein besseres Produkt als sein Äquivalent vor zehn Jahren. Wir bei NAE beobachten das seit 2008 aus erster Reihe: Die Frage der Kundschaft hat sich verschoben von „ist das genauso gut wie Leder?" zu „welches dieser Materialien gefällt mir besser?". Genau so sieht Normalisierung aus.
Es gibt noch ein leiseres, aber bemerkenswertes Signal: Die Menschen, die vegane Schuhe kaufen, sind längst nicht mehr nur Veganer:innen. Bewusste Verbraucher:innen, Menschen, die Leder aus Umweltgründen meiden, Menschen, die die Materialien einfach mögen — die Zielgruppe ist weit über das eine Prozent hinausgewachsen, das sich als vegan bezeichnet. Das ist der Unterschied zwischen einer Nische und einer Bewegung.
Das ehrliche Fazit
Wächst der Veganismus, oder schrumpft er? Gemessen an der Zahl der Menschen, die ihn leben — wächst er. Gemessen am pflanzlichen Einzelhandel in Europa — wächst er in den meisten Märkten. Gemessen an veganer Mode und Schuhen — wächst er ununterbrochen. Gemessen an den Verkäufen der heutigen stark verarbeiteten Fleischalternativen — geht er zurück, was weniger ein Urteil über die Idee als eine Botschaft an die Branche ist: Die Menschen wollen diese Produkte — nur richtig gemacht.